Genderdebatten

Ich weiß, die Überschrift ist übel. Aber heutzutage heißt es, wenns um Sprachkleinigkeiten geht, nicht mehr Geschlecht oder Genus, sondern „Gender“ . Warum das so heißen muss, hat mir bisher noch keiner erklären können. Aber eines ist sicher:

Es nervt. Jetzt ist ein neuer Leitfaden des Europarats erschienen, der beschreibt, wie Sprache weniger sexistisch zu benutzen ist. *

Ich finde es faszinierend, dass nach Jahrzehnten des Feminismus immer noch keiner auf die Idee gekommen ist, dass Sprache nur dann sexistisch ist, wenn man sie so anwendet. Sprache ist auch nicht per se rassistisch, nur weil es die Begriffe „Rasse“ oder „Ausländer“ gibt. Sprache hat sich entwickelt, und sie hat sich zu dem entwickelt, wie wir sie heute brauchen. Und nur, weil eine Handvoll Emanzen sich angepisst fühlen, weil es „Fußgänger“, „Anfänger“  oder „Besucher“ heißt, muss man das jetzt umbenennen. Tut mir leid, aber ich fühle mich als Frau genauso angesprochen, wenn ich von einer Anzeige für einen Anfängerkurs für Altägyptisch lese, wie mein Freund, also gar nicht. Ich steige in München aus der S-Bahn aus, obwohl die Station „Besucherpark“ heißt. Und eine Fußgängerzone darf ich als Autofahrer nicht befahren, ob da nun Männchen oder Weibchen spazierengehen.

Meinetwegen, damit sich die Emanzen nicht mehr so aufregen und sich dafür in 50 Jahren irgendeine Männerbewegung darüber aufregen kann, könnte man doch einführen, dass der weibliche Plural der Nomen auch Männer miteinschließt. Oder, was deutlich leichter vom Volk aufgenommen werden würde, dass der männliche Plural immer auch Frauen beinhaltet. So gehts in Frankreich ganz prima, dort wird der männliche Genus für rein männliche oder gemischte Gruppen verwendet, der weibliche Plural kommt nur dort vor, wo tatsächlich nur Frauen gemeint sind. Es würde uns das potthässliche Binnen-I und sehr sehr sehr viel Druckertinte ersparen, weil nicht mehr Schülerinnen und Schüler, Beamtinnen und Beamte oder Stühlinnen und Stühle betituliert werden.

Sprache ist gewissermaßen gelebte Ur-Demokratie. Was die Mehrzahl der Sprechenden sagen, wird irgendwann zur Richtigkeit erklärt – ob das Sprachpflegern wie Bastian Sick nun gefällt oder nicht. Ich mag „dem Kevin sein Handtuch“ auch nicht und verwende es nicht; aber wenn genügend Leute auf den Zug aufspringen, könnte es irgendwann tatsächlich gebräuchlich sein. Denkt mal über das Wort für „Nase“ nach, was eingeführt werden sollte, weil Nase nicht arisch genug war – der Gesichtserker hat es nie in den völkischen Sprachschatz geschafft. So, wie das Wort „schlecht“ seine Bedeutung vollkommen geändert hat: Luther bezeichnete Hiob noch als „schlechten und rechtschaffenen Mann“ (schlecht hieß so viel wie fromm und gutmütig), ein Jahrhundert später war es bereits zu der negativen Eigenschaft geworden, mit der wir gerne Politiker bezeichnen. Unbestrittenermaßen verwendet ein Mehrteil der Bevölkerung die Begriffe „Besucher“, „Anfänger“ und „Fußgänger“ synonym für beide Geschlechter. Die weibliche Form dieser Nomen habe ich bisher nur auf TafelInnen in öffentlichen GebäudInnen gelesen.

Oh, da bin ich ganz schön weit weg von der Gender-Debatte. Was ich sagen wollte: Liebe Leser, ich werde hier aus Prinzip nur den männlichen Plural benutzen, da dürfen sich ruhig alle Männchen, Weibchen, Transvestiten, Zwitter oder sonstige menschliche Wesen gerne angesprochen fühlen. Ja, Emanzen auch.

Gruß, Ayanara

* http://www.sueddeutsche.de/kultur/sprache-ohne-sexismus-geschlechtergeraecht-1.995244

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4 Antworten zu Genderdebatten

  1. Pandialo schreibt:

    Hallo Silverchen!
    Ich bin in der Debatte etwas anderer Meinung.
    Es geht beim Gendern von Substantiven nicht darum, dass ein paar „Emanzen“ sich geschmeichelt fühlen, auch mal erwähnt zu werden. Überall in der Gesellschaft werden Frauen strukturell benachteiligt, das lässt sich kaum abstreiten. Sie können genausoviel oder mehr leisten als Männer, in den Führungsetagen sind sie trotzdem kaum zu finden und obwohl mehr Frauen ein Abitur haben als Männer, studieren weniger von ihnen, noch weniger schließen das Studium ab, noch weniger bekommen die Chance zu promovieren und die wenigsten haben eine Professur. Sie verdienen tendenziell für die gleiche Arbeit weniger.
    Das ist (so hoffe ich) keine Verschwörung von Maskulisten oder böser Wille. Wir wurden in einer patriarchalen Gesellschaft sozialisiert, genau wie unsere Eltern und deren Eltern. Jede Generation hat die Chance, ihr Möglichstes zu tun, um diesen ansozialisierten Sexismus so gut es geht loszuwerden. Das geht zum Beispiel über die Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache. Wenn es beispielsweise um die Besetzung von Chefposten geht, werden sie anscheinend oft genug übersehen. Deshalb finde ich den Ansatz gar nicht schlecht, sie überall im Leben – nicht zu betonen – zu nennen.
    Das ist ganz klar gewöhnungsbedürftig. Ich bin trotzdem Fan davon und gehe noch weiter. Anstatt des Binnen-Is benutze ich oft eine Gendergap, um auch auf alle Menschen, die sich nicht in der bipolaren Geschlechterordnung finden, also „alle dazwischen“ abzubilden. Es sind dann eben nicht Bauarbeiter, sondern Bauarbeiter_innen.
    Für mich ist das ein Weg, die vom Menschen konstruierten Geschlechterrollen (Gender) im Alltag aufzubrechen und zum Nachdenken anzuregen. Ich will niemanden überzeugen, es mir gleichzutun, aber mir als Queerfeministen ist es wichtig, dass dafür das Potential von Verständnis herrscht (also das Wissen darüber). 😉

    • ayanara schreibt:

      Hallo Pandialo!
      Mein Problem besteht nicht darin, dass die Frauen nicht in der Gesellschaft zu wenig beachtet würden, sondern in der Kleinkariertheit, mit der Feministen dieses Thema behandeln. Und „Anfängerkurs“ in „Einstiegskurs“ umzubenennen, ist nun wirklich kleinkariert.
      Die „Gendergap“ finde ich im Übrigen noch ein bisschen schlimmer als das Binnen-I.
      Die strukturelle Benachteiligung der Frauen fängt nicht in der Sprache, sondern in den Köpfen an. Beispiel Karriereleiter bei der Bank. Ich kann einen Ökonomen völlig verstehen, der bei gleichen Voraussetzungen lieber den männlichen Bewerber einstellt. Das klingt jetzt hart, aber ein Ökonom denkt nicht humanistisch. Wenn die weibliche Angestellte schwanger wird, fällt sie locker 1-2 Jahre vom Betriebsleben aus. Da rechnet sich der männliche, oft ehrgeizigere Bewerber mehr.
      Ich glaube, bevor man an der Sprache herummäkelt, sollte man lieber erst das Denken unserer Gesellschaft und vor allem der Wirtschaft verändern. Und – um Gottes Willen – den Frauen eine wirklich freie Entscheidung lassen. Ich bekomme nämlich mehr und mehr den Eindruck, man erwartet von uns, auf die Karriereleiter zu springen, nebenher 3 Kinder zu gebären und zu She-Ra zu mutieren. Oder so ähnlich. Ist es da wirklich noch verwunderlich, dass sich Frauen lieber für den sozialeren Weg „Familie und Halbtagsjob“ entscheiden, anstatt sich den Kopf an der gläsernen Trennwand im Karriereleben aufzuschlagen?

      Früher ließ man den Frauen keine Wahl als die drei großen K’s. Heute schwingt das Pendel in die andere Richtung – an meiner Schule gab es damals mindestens 3 Vorträge plus X Girls Days, die uns überzeugen sollten, in die Wirtschaft oder High-Tech-Industrien einzusteigen. Kein Wort über kindertaugliche Berufe oder ein Vortrag darüber, wie man Job und Familie unter einen Hut bringt.
      Und solange diese wirklich freie Entscheidung nicht gegeben ist, herrscht keine Gleichberechtigung.

  2. Pandialo schreibt:

    Ich will das gar nicht so sehr aufreißen, aber einmal antworte ich noch. 🙂

    Was du sagst, ist total richtig: Das fängt beim Denken an. Aber Sprache ist nicht nur Darstellungsmittel unseres Denkens, sie strukturiert es auch und kann Denken entweder zementieren oder verändern. Indiostämme, die nur Worte für „eins“, „zwei“ und „viele“ haben, tun sich unheimlich schwer damit, Sachen zu zählen, welche, die weder Vergangenheitsformen noch Futur kennen, haben weder Geschichte, noch Pläne, die über das Kurzfristige hinausgehen. Das sind ziemlich interessante linguistische Fälle.

    Über die Ästhetik von Genderformen kann mensch sich lange streiten. Ist halt Geschmack. In der Literatur bereitete mir das auch Probleme, für Sachtexte finde ich es total in Ordnung.

    Wirtschaftlichkeit über alles zu stellen, finde ich problematisch. Ein menschgemachter Prozess kann von Menschen verändert werden, sollte er auch, wenn es vielen Menschen nützt. Wo die Macht dazu liegt, das ist leider eine andere Frage. Leider sind wirklich ausschließlich Frauen mit Schwangersein beschäftigt, aber 1-2 Jahre sind nicht obligatorisch. In einer Partnerschaft (oder größeren Beziehungsnetzwerken) muss die Betreuung und Versorgung eines Kindes nicht an einer Person hängen.

    Letztendlich will ich gar nicht, dass alle Frauen (oder alle anderen, die nicht weiße Männer aus der Oberschicht sind) jetzt Banken leiten. Aber ich will, dass alle sich frei dafür oder dagegen entscheiden können, dass keine Tätigkeit oder Vorliebe als „weiblich“ oder „männlich“ gilt, sondern dass alle ihr eigenes Geschlecht sein können. Ich will die heteronormative Matrix nicht, in der wir uns bewegen. Es gibt eine ganze Menge, die sich darin unwohl fühlen, viel mehr, als mensch denkt. Und ein Ausdruck dieses Denkens ist eine Sprache, die alle mit einschließt, sowohl in positiven als auch negativen Bezügen.

    Zu guter letzt ist mir noch wichtig, dass Feminismus nicht mit Alice Schwarzer gleichgesetzt wird. Die Frau ist der übelste Feminismus der 2. Welle, auf den mensch allgemein nicht stolz sein braucht, aber so eine krasse Differenzscheiße, die sie fährt, ist einfach absurd. Nur traurig, dass sie seit über 30 Jahren immer noch Gehör findet. Seit den 80ern hat sich der Feminismus zum Glück so weit entwickelt, dass nicht eine Gleichstellung von 2 Geschlechtern, sondern die Dekonstruktion einer solchen Denke wie „Geschlecht“ (also auf das soziale Geschlecht, das Gender, bezogen) gefordert wird. Leider kommt das im Mainstream noch nicht an, obwohl die Theorie auch schon 15 Jahre alt ist.
    Es ist unheimlich interessant, sich damit zu beschäftigen und nicht gleich als Mumpitz abzutun (wobei der Reiz auf den ersten und vielleicht auch 2. Blick durchaus besteht).

    Das wollte ich noch loswerden. Ich halte dann den Mund, freue mich aber über Antwort.

  3. ayanara schreibt:

    So, gestern hatte ich keine Zeit mehr, zu antworten 😉

    Ich hab mich (auch wegen meines Kinderwunsches) etwas tiefer mit dem Thema Schwangerschaft im Beruf auseinandergesetzt. Leider ist es so, dass man um eine Babypause eigentlich nicht drumherum kommt, wenn man wirklich am Kind hängt (oder zumindest mehr als an der Karriereleiter). Im ersten Lebensjahr wird soviel im Kindergehirn geprägt und eine Beziehung zu einigen Bezugspersonen (idealerweise Mutter und Vater) aufgebaut, dass es später problematisch werden kann, wenn diese Beziehungen nicht ausreichend gebildet wurden. Und wenn Mama den ganzen Tag im Büro sitzt, kann da keine ausreichend tiefe Bindung aufgebaut werden. Selbst wenn Papa Vätermonate beantragt, ist das keine gute Lösung. Ich wills jetzt auch gar nicht weiter ausführen, nur eben, dass eine Babypause u.U. sehr zwingend ist. Vor allem in den Stillmonaten, und das können bis zu 6 Monate sein!

    Wir sind uns ja immerhin schonmal einig, dass das Denken unserer Gesellschaft verändert werden muss (In jedem Bereich). Ich bin auch kein Fan davon, Wirtschaftlichkeit über alles zu stellen, aber das ist nun mal heutzutage Realität in den Vorständen und Personalabteilungen. Wenn man Profit und Effizienzsteigerung fordert, braucht man sich nicht wundern, wenn Menschen auf der Strecke bleiben. Unternehmen zahlen ja auch lieber eine Abgabe, anstatt Behinderte einzustellen.
    Der Kapitalismus ist durchaus variabel und kann sozial sein, er braucht nur die entsprechenden Vorschriften (und ihre Durchsetzung). Ob Frauen- und Behindertenquoten da eine gute Lösung sind, steht auf einem anderen Blatt …

    Und das Alice Schwarzer nichts mehr mit Feminismus zu tun hat, ist ja auch klar 😉 (Am Besten ist ja noch, dass sie für die BILD über den Kachelmannprozess berichtet, weil die anderen Medien ja „zu voreingenommen sind“ !!)

    Nun finde ich die Art Feminismus, die „Anfängerkurs“ in „Einstiegskurs“ umbenennt, nicht mehr akzeptabel, sondern – um es drastisch auszudrücken – unglaublich lächerlich. Da hat man nur noch den Eindruck, dass der Frauenbeauftragten verdammt langweilig gewesen sein muss. Ich hab noch keinen Menschen ein Zigeunerschnitzel „Sinti-und-Roma-Schnitzel“ nennen hören, nur weil man Zigeuner nicht mehr sagen soll oder darf. Im Begriff „Anfängerkurs“ steckt doch keine Wertung bezüglich des Geschlechts drin (wie in vielen anderen Worten auch), weshalb muss das jetzt anders heißen? Das regt mich halt so auf.

    Wie gesagt – abschließend meine ich einfach nur: Gleichberechtigung ist dann erreicht, wenn ich nicht mehr schief angeguckt werde, weil ich mich für Kinder und Halbtagsjob entscheide statt für die Karriere bei Siemens. Und wenn Männer auch nicht mehr in die Rolle des Ernährers und Besserverdieners gesteckt werden, sondern jeder Schulabgänger frei entscheiden kann, was er/sie/es machen möchte und für gleiche Arbeit auch gleiches Geld verdient.
    Diese Sprachfiseleien sind für mich eigentlich nur Aktionismus und keine wirkliche Bemühung. Die Abschaffung des Wortes „Neger“ hat auch noch keinen Dunkelhäutigen vor Fremdenfeindlichkeit gerettet. Und es ist ein unglaublich langsamer, wenn überhaupt erfolgreicher Prozess, eine Sprache künstlich ändern zu wollen. Soweit ich weiß, hat das Neusprech in George Orwells „1984“ nur so gut funktioniert, weil man schlicht eine sehr eingeschränkte Wahl hatte …
    Ich glaube, wenn es irgendwann einmal eine geschlechtlich neutrale Sprache geben sollte, erleben das allerfrühestens meine Enkel. Es reicht nicht, wenn Behörden solche Sprachmuster übernehmen, das müsste überall benutzt werden und das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

    Ach ja: Herzlichen Glückwunsch zu deinem Gewinn im hörspiel3-Blog 🙂

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