Ein bisschen Zynismus und Adipositas

So, weil der eigentlich für diese Stelle angedachte Artikel noch ein wenig braucht, gab mir die jetzt veröffentlichte Studie der OECD eine gute Gelegenheit, mal ein bisschen zynisch zu sein.

Die westlichen Industrieländer sind zu fett. Gut, das ist keine neue Erkenntnis, jeder, der Samstag vormittag schon einmal zu Aldi einkaufen gefahren ist, weiß, dass es eindeutig zu viele übergewichtige Menschen gibt. Den Typ „Trainingsanzug mit Tennissocken und Adiletten“ gibts eigentlich nur in der „inklusive Bierwampe“-Ausgabe. Dass unsere Fress- und Transportkultur noch nicht so eskaliert ist wie in den Vereinigten Staaten, dürfte einer der wenigen Gründe sein, warum dieses Land uns noch voraus ist, was die Pfunde angeht. Man mag sich gar nicht mehr vorstellen, was für ein Hallo es hierzulande gäbe, wenn Marius Müller Westernhagen sein Lied „Dicke“ heutzutage herausbringen würde. Ende der 70er waren sie noch Randerscheinungen, heute Alltag. Fernsehen, Computer, Spielkonsolen und das sehr billig gewordene Essen dürften die Hauptförderer dieser Entwicklung sein.

Da ich mich ungern nur auf eine Quelle verlasse, habe ich mir zu dem Thema sowohl auf Spiegel Online* als auch auf faz.net** umgesehen (Irgendwann finde ich noch raus, wie man URLs einbindet!) . Da der normale Bürger anscheinend nicht an den Studienergebnissen teilhaben soll, gibts auf der OECD-Seite nur die Zusammenfassung als PDF. *** Jedenfalls freut sich der Zyniker, wenn er auf faz.net liest:

Die Kosten, die den Gesundheitssystemen durch Übergewichtige entstehen, sind immens. Im Schnitt betragen sie mindestens 25 Prozent mehr als für Normalgewichtige. Die kürzere Lebenserwartung dicker Menschen führt aber insgesamt sogar dazu, dass die Ausgaben für die Krankenkassen geringer ausfallen können – die OECD spricht von bis zu 13 Prozent. So verursachen gesund und vor allem lang lebende normalgewichtige Menschen höhere Kosten für die Gesundheitssysteme als fettleibige – auch wenn letztere zu ihren Lebzeiten viel öfter krank sein sollten.

Zu viele Rentner? Zu viele alte Arbeitslose? Die Gesundheitskosten explodieren und keiner kanns mehr bezahlen? Kein Problem – McDonalds wird zum Kantinenbetreiber sämtlicher Ganztagsschulen in Deutschland, Burger King betreibt „Essen auf Rädern“ und Gemüse wird verboten. Das Sterbealter sinkt wieder unter die 65 und fürs Medizinstudium gibts keinen NC mehr, weil jetzt schon zu viele Ärzte fehlen. Heidi Klum wird arbeitslos oder sucht Germanys next Topmoppel (Nein, der ist nicht von mir, ich weiß aber auch nicht mehr, wer den Gag zuerst hatte), Ponchos kommen wieder in Mode und Sportvereine werden ebenfalls verboten. Und die USA waren wieder die, die es allen vorgemacht haben.

Mir will die Vorstellung nicht so recht behagen. Es ist Fakt, dass die in Amerika heranwachsende Generation von häufig fettleibigen Kindern gute Chancen hat, die erste Generation seit Menschengedenken zu sein, die ohne Einwirkungen von Krieg oder Hungersnot ein geringeres Sterbealter als ihre Eltern hat (ich sollte nicht mehr in Schachtelsätzen schreiben). Aber dass das verkürzte Lebensalter tatsächlich für solch geringere Kosten sorgt, erstaunt mich dann doch. Es ist nur die Frage, ob die Rechnung auch so aufgeht. Denn auf Spiegel Online heißt es:

Zum gesundheitlichen kommt noch ein wirtschaftliches Problem: Die überflüssigen Pfunde verschlechtern die Jobaussichten. Arbeitgeber bevorzugen häufig normalgewichtige Personen, weil sie ihnen eine bessere Produktivität zusprechen, haben die Experten herausgefunden. In der Tat müssen sich Menschen mit Übergewicht in der Regel häufiger freinehmen, in Nordeuropa beziehen Übergewichtige dreimal häufiger Arbeitsunfähigkeitsbezüge. Was folgt, ist ein Anstellungs- und Lohngefälle für den dicken Teil der Bevölkerung.

Will heißen, Übergewichtige kosten den Steuerzahler auch die soziale Stütze, die sie im Falle einer Nichteinstellung bekommen. Interessant wäre mal zu sehen, ob sich das Lohngefälle verstärkt, wenn man weibliche Dicke besonders betrachtet. Ob der Geschlechternachteil da immer noch durchschlägt? Das mal nur zu den Kosten von Adipositas.

Und je öfter ich über irgendwelche Ecken Einsicht ins Privatfernsehen bekomme (weil ich von mir aus den Fernseher schon seit Ewigkeiten nicht mehr einschalte), habe ich das Gefühl, dass die Prognose der OECD, in 10 Jahren wären 2 von 3 Menschen in einigen westlichen Industriestaaten übergewichtig, bei uns schon längst eingetroffen ist. Das Problem, was nicht erst seit der Erfindung der Doku-Soaps besteht, ist, dass Dick-Sein allgemein sehr negativ angesehen wird. Es impliziert geringere Disziplin, mangelnde Selbstbeherrschung und dem Fernsehen sei „Dank“ ist es nicht mehr weit, dass Dicke direkt als dumm abgestempelt werden.

Was viele Menschen allerdings vergessen, ist dass der Baustein für ein gesundes und schlankes Leben im Kindesalter gelegt wird. Wer als Kind längere Zeit übergewichtig ist (und das ist nicht mit Babyspeck zu erklären), hat die Chance fürs Leben vertan. Nach neuen Erkenntnissen ist sogar das Gewicht der Mutter während der Schwangerschaft bereits ausschlaggebend für die Figur, die das Kind später haben wird. Solche, von Kindesbeinen an mit zu viel Gewicht belegten Personen können sich im Erwachsenenalter abstrampeln, wie sie wollen. Sie werden niemals schlank werden können, oder wenn, dann ist das Wunschgewicht nur unter extremen Bedingungen oder gar nicht zu halten. Insofern wäre es an der Zeit, den Eltern hierzulande zu erklären, dass ein Kind nicht schon mit sechs einen Nintendo DS braucht. Ich bin auch bis zu meinem zwölften Geburtstag ohne Gameboy ausgekommen. Ein Kind braucht nicht mit zehn einen Fernseher auf dem Zimmer. Ein Jugendlicher wird nicht davon sterben, wenn er seinen ersten eigenen Computer erst mit 15 oder 16 bekommt. Zeigt den Kindern, dass es draußen eine Welt gibt, für die es sich zu leben lohnt und die viel mehr bietet als Super Mario und Zelda.

Ayanara

* http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,718868,00.html

** http://www.faz.net/s/Rub8E1390D3396F422B869A49268EE3F15C/Doc~ED8C82D844FD24748831FA1CDD5CE63FF~ATpl~Ecommon~Scontent.html

*** http://www.oecd.org/document/31/0,3343,en_2649_33929_45999775_1_1_1_37407,00.html#Executive_Summary

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